
"Können Sie nicht schnell einmal vorbei kommen? Wir haben da jemanden zur Abschiebung und die Verständigung klappt nicht!" So oder ähnlich klangen Anfang der 90er Jahre immer wieder Anfragen aus dem Moerser Untersuchungsgefängnis. Mit der Asylrechtsänderung 1993 brachen neue Zeiten an. Mehr Abschiebungen sind vorgesehen und das Moerser Gefängnis wird "umgewidmet" in ein Hafthaus, ausschließlich für Abschiebungskandidaten. Hinter diesem Begriff verbergen sich Menschen, die ihrer Ausreisepflicht nicht nachgekommen sind, etwa nach der Ablehnung eines Asylantrags. Bei einem wiederholten Verstoß gegen Verwaltungsvorschriften stellt die Ausländerbehörde beim zuständigen Amtsgericht einen Haftantrag, der jeweils für drei Monate gültig ist und bis zu 18 Monaten verlängert werden kann. Während der Haftzeit werden bei den jeweiligen Botschaften Passersatzpapiere beantragt. Auf die Dauer dieses Vorgangs haben deutsche Behörden keinen Einfluss - ein vor allem für die Betroffenen sehr belastender Umstand, der sie in ständiger Ungewissheit hält.
Täglicher Weg Richtung Knast
Die Beamten im Hafthaus waren irritiert: Wie geht man mit Menschen um, die zwar inhaftiert sind, aber keine Straftat begangen haben? Gisela Stoldt, Koordinatorin für die Hafthausarbeit, zog ihre Konsquenzen. "Es ergab sich von ganz alleine, dass mein täglicher Weg nach der Mittagspause nicht ins Büro, sondern Richtung Knast führte. Da wartete dann ein Stapel Anfragen von Inhaftierten, die um einen Besuch, ein Gespräch baten." Es galt, Freunde oder Verwandte zu benachrichtigen, Anwälte zu informieren, persönliche Sachen sicher zu stellen, Asylanträge weiter zu leiten und vor allem auch zu beruhigen, zu trösten.
Bedarf an Beratung und Hilfe
Die Sorgen der bis zu 144 inhaftierten Männern aus dem gesamten Regierungsbezirk Düsseldorf variieren je nach Herkunftsland und Biografie: Kriegsdienstverweigerer und Deserteure (damals vor allem aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawien), Menschen aus Bürgerkriegsländern (Westafrika, Sri Lanka), Kurden aus der Türkei, die damals systematisch verfolgt wurden. "Und es gab viele Männer, die der für uns unvorstellbaren Not und Perspektivlosigkeit ihrer Heimat entfliehen und ein `neues Leben´ finden wollten, etwa so wie die deutschen Auswanderer, die sich im 19. Jahrhundert in Richtung USA auf den Weg machten," erzählt Gisela Stoldt. Sie ist dankbar für das große Engagement ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer, die dem hohen Bedarf an Beratung und Hilfe nachkamen. "Bis heute ist eine kleine Gruppe tätig, deren Engagement man nicht hoch genug schätzen kann. Verständlicherweise hat es viele Wechsel bei den Ehrenamtlichen gegeben, denn die Beanspruchung durch diese sehr persönliche Erfahrung mit der Not Anderer ist groß", erklärt Gisela Stoldt.
Spürbare Entlastung
Eine spürbare Entlastung trat ein, als 1996 zwei hauptamtliche Betreuer ihre Tätigkeit aufnahmen, mittlerweile finanziert aus Landes- und EU-Mitteln. Für notwendige Ausgaben, die aber nicht von öffentliche Stellen refinanziert werden, kommen die Moerser Kirchengemeinden durch Kollekten und Spenden auf. Gisela Stoldt findet es schade, "dass die vielen Äußerungen von Freude, Erleichterung und Dankbarkeit der Betroffenen nicht direkt in den Gemeinden wahrgenommen werden können. Das wäre besonders schön in der Weihnachtszeit, wenn die wunderbaren Pakete verteilt und mit lautstarker Freude ausgepackt werden."
Konkrete Erfolge
Die Arbeit der Betreuenden zeigt konkrete Erfolge: Die Haftzeiten in Moers sind die kürzesten im ganzen Land und bestimmte Nationalitätengruppen werden auf Grund der Recherchen der Hauptamtlichen gar nicht mehr in Haft genommen. Aktuell sitzen im Moerser Abschiebegefängnis vor allem Männer aus der Türkei, den Ländern des ehemaligen Jugoslawien und den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und warten auf ihre Abschiebung.
Informationen über ehrenamtliches Engagement oder Spendenmöglichkeiten erhalten Sie bei Gisela Stoldt, Telefon 02841 – 170 154.
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