
"Es fing fröhlich an, als ich am 13. Oktober 1924 in den Kreis Moers einzog. Ich landete auf dem kleinen Kreisbahnhof Hoerstgen/Sevelen. Das mir vorausgeeilte Gepäck wurde auf einem Leiterwägelchen verladen, das 5- jährige Töcherterchen des damaligen Synodalbeauftragten für Jugendarbeit (...) oben drauf gesetzt, Martin, der 10- jährige Sohn zog den Wagen (...) und so (...) ging es zu meiner Wohnung, die zugleich meine erste Dienststelle werden sollte. Das war in Kamperbrück, jener Dorfschaft zwischen Hoerstgen und Kamp. Dort wohnte ich bei dem Bäcker, Kolonialwarenhändler und Gastwirt Spuyen vier Wochen lang. Mein Schlafzimmer im Dachgeschoss war zugleich mein Arbeitsraum, das Geschäftstelefon des Hauses mein Dienstapparat." Am 13. Oktober 1924 beginnt Dr. Paula Deuchert aus Bonn ihre Arbeit als Wohlfahrtspflegerin im neu gegründeten "Amt für Jugend und Wohlfahrtspflege der Kreissynode Moers". So beginnt die Geschichte des Diakonischen Werks Kirchenkreis Moers.
117 Mädchen in Nähschulen
1927 kommen die Bereiche der Gefährdeten- und die Gefallenenfürsorge dazu. Ein Schutzheim für "gefallene Mädchen" gemeinsam mit der Stadt Moers wird gegründet. Mit Hilfe der Inneren Mission und ergänzt durch öffentliche Gelder und Zuschüsse der Gemeinden ist es 1930 möglich, 117 Mädchen in "Nähschulen" zu beschäftigen: Zwei Tage in der Woche wird für die Allgemeinheit genäht. Die Stoffe kommen aus Sammlungen. Im selben Jahr wird der Kinderpflegeverband aufgebaut, zwei Jahre später die Jugendnotwerke für Jungen und Mädchen.
Nationalsozialismus
Seit 1934 erhalten die Erwerbslosenkurse keine staatlichen Mittel mehr. In einem Bericht beschreibt Paula Deuchert 1939 das Verhältnis zu den staatlichen Stellen: Der neue hauptamtliche ‚Kreisverwalter für Jugendhilfe‘ hatte im Februar die Diakonie besucht. Ihr Bericht erklärt, es "ist eine spürbar größere Zurückhaltung der Behörden uns gegenüber spürbar und der Abbruch zwischen uns und den übrigen Behörden der Jugendhilfe. Wir sollen nicht mehr in Anspruch genommen werden, um uns auf diese Weise zu Erliegen zu bringen." Ab 1940 ist die Zusammenarbeit mit öffentlichen Stellen weitgehend beendet. Der Krieg brachte die Arbeit weiter ins Stocken: 1945 - so Paula Deuchert - ist der eigentliche Dienst durch Aufräumungs- und Ordnungsarbeiten belastet, unter anderem, weil die Mitarbeitenden viel Zeit in den Bunkern verbringen müssen.
Neue Verbindungen nach dem Krieg
Nach dem Krieg nimmt die Leiterin wieder Verbindungen zu kommunalen Stellen auf. 1947 können sich im Klingerhuf 200 Kinder erholen, 163 Personen werden im Rahmen allgemeiner Fürsorge betreut. 1948 sind es schon mehr als 700. Anfang der Fünfziger kommt der Arbeitsschwerpunkt Ostwandererfürsorge hinzu.
Zeit der "Halbstarken": Motorroller für die Beschäftigen
1952 bekommen die Mitarbeitenden einen Motorroller. Das ist nötig: 1956 werden bereits fast 5.000 Personen beraten. Themen sind Hilfe bei Obdachlosigkeit, Suchtberatung und die Unterstützung von Strafgefangenen bei der Rückkehr ins bürgerliche Leben. Mit der Halbstarkenbewegung kam auch die Aufgabe der Jugendgerichtshilfe wieder hinzu, die 1933 eingestellt worden war.
1963 geht Dr. Paula Deuchert in den Ruhestand, später tritt Margot Rau die Nachfolge an. 1967 wird der Verein für Vormundschaften gegründet und die Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Moers. 1972 gibt es erste Alten- und Familienerholungsmaßnahmen.
Seit 1976 übernimmt die neu gegründete Arbeitgemeinschaft Evangelischer Kirchengemeinden des Kirchenkreises Moers im Stadtgebiet Duisburg die diakonische Tätigkeit im Duisburger Westen, die spätere Diakonie Duisburg West. 1976 werden in Kamp-Lintfort ein Büro eingerichtet, 1978 Sprechstunden auch in Rheinberg eingeführt. Harald Dyx, heute stellvertretender Leiter des Diakonischen Werks Kirchenkreis Moers, baut sie 1982 schließlich zur Sozialberatung aus.
Kennzeichen: Schuldnerberatungen
In den achtziger Jahren entstanden die Diakonie-Sozialstationen, mittlerweile sind sie die Diakoniestationen der Grafschafter Diakonie - Ambulante Pflege gGmbH. Seit 1983 gibt es die Drogenhilfe der Diakonie in Moers. Die Entwicklung von Selbsthilfegruppen im Suchtbereich wird voran getrieben. In Moers beginnt die Schuldnerberatung des Diakonischen Werks 1984, 1987 beraten dort bereits drei Mitarbeitende, 1988 bietet das Diakonische Werk die Schuldnerberatung auch in Rheinberg und Kamp-Lintfort an.
1989 tritt Rainer Tyrakowski-Freese die Nachfolge von Margot Rau in der Leitung des Werkes an. Auf dem Vluyner Nordring 55 wird das Stadtteilbüro eröffnet.
1992 richtet das Diakonische Werk im Rahmen der Dezentralisierung die Dienststelle Kamp-Lintfort ein, 1993 die Dienststelle Rheinberg. Und die Kreissynode beginnt auf Initiative des Diakonischen Werks das neue Projekt "Jugend in Arbeit Kirchenkreis Moers".
Neue Aufgaben: Beispiel Demenz
Zum Teil gab es auch spektakuläre Projekte: Als z.B. ein neues Spielhaus im Moerser Stadtgebiet Mattheck einflog - ein Kran setzte den Pavillon für Kinder in Maßarbeit auf den Spielplatz. Gemeinsam mit Gemeinden und der Stadt Moers konnte die Diakonie so die erzieherische Arbeit in diesem Wohngebiet sichern, das einen deutlich höheren Anteil an benachteiligten Kindern und Jugendlichen aufweist als der städtische Durchschnitt.
Diakonische Tätigkeiten richten sich immer nach den Anforderungen. Deshalb bekam nach der Jahrtausendwende ein weiteres Thema zunehmende Bedeutung: die Begleitung von Angehörigen Demenzkranker. Das Seniorenbüro in Repelen gehört mittlerweile zu den etablierten Einrichtungen. Neuerdings bietet es den SeniorInnen Computerschulungen und Internetkurse an. Zu erwähnen sind auch die Tafelinitiativen in Kamp-Lintfort, Rheinberg und in Vluyn, wo die Tafel mittlerweile ein eigenständiger Verein werden konnte.
Zu den neuen Aufgaben gehört auch die Freiwilligenzentrale, die seit dem Jahr 2000 in Fragen der Ehrenamtlichkeit berät. Vier Jahre später nimmt das Modellprojekt AnJa seine Arbeit auf, das Menschen mit Behinderungen ins Ehrenamt vermittelt.
Ausblick
80 Jahre, wie geht es weiter? "Die Überlastung pflegender Angehöriger von Demenzkranken, die ökonomischen Probleme von Familien, Hilfe für benachteiligte Kinder und Jugendliche, das Zusammenleben der Generationen, kinderfreundliche Stadt, Entwicklung des Bürgerengagements, die Rechte Behinderter - das alles sind die Themen, bei denen wir uns gefordert sehen," erklärt Rainer Tyrakowski-Freese, Geschäftsführer des Diakonischen Werks Kirchenkreis Moers. "Die Diakonie wird als tätiger Arm der Kirche auch zukünftig ihre Stimme erheben und Gerechtigkeit für alle Bürger einfordern." Und bei den Mitarbeitenden bedankt sich der Diakonieleiter: "Zum 80’sten Geburtstag erinnern wir uns an unsere Tradition und Wurzeln. Ein Gruß geht an unsere Mitarbeitenden, hauptberuflich und ehrenamtlich Tätige. Dank gilt ihnen für engagierte Mitarbeit. Dank auch an unsere Partner für vielfältige Unterstützung und offenen Dialog."
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