Angriffe auf Afghanistan - Erste Gedanken am 7.10 01 abends von Reinhard Schmeer

Reinhard Schmeer, Synodalbeauftrater für die Friedensfrage und Pfarrer in Asberg, notiert seine Gedanken ausdrücklich nicht in diesen Funktionen, sondern als Privatperson.

"Nun ist es also doch geschehen, militärische Angriffe auf Afghanistan; schlimm und in den Folgen noch nicht absehbar!

War die geradezu gotteslästerliche Rache- und Vergeltungs-Rhetorik, vielleicht verständlich unmittelbar nach den Terroranschlägen am 11. September, doch Gott sei Dank inzwischen einer sehr viel differenzierteren Rede - und auch politischen Handlungsweise gewichen (Islam nicht gleich Gewalt, Unterscheidung von afghanischem Volk und der Taliban-Regierung, kein großer militärischer Gegenschlag, aber Druck auf allen politischen Kanälen), so machen die jetzigen militärischen Angriffe alle diese Feinheiten der Rhetorik wieder zunichte.

Die Welt hat sich nicht am 11. September verändert; das tägliche stumme und von der Öffentlichkeit unbemerkte Sterben von mehreren 10.000 Kindern am Hunger und seinen Folgen - trotz Weltkindertag - geht weiter; der Hunger unter der Bevölkerung Mittelamerikas, hervorgerufen durch den Umgang der 'zivilisierten Welt' mit Gottes Schöpfung (Klimaveränderungen) und die etwa für die Kaffeebauern in Nicaragua ruinösen Preisfestsetzungen durch die New Yorker Börse erreicht kaum die Nachrichtenseiten der Zeitungen; im Nahen Osten ist kein Fortschritt einer Friedenspolitik zu sehen, der dem Hass unter Muslimen auf die westliche, durch Amerika repräsentierte Welt, den Boden entziehen könnte.

Und auch die jetzigen Angriffe auf Afghanistan folgen der in den vergangenen zehn Jahren entwickelten (2. Golfkrieg, Somalia, Bosnien, Kosovo) wachsenden militärischen Eingreifmentalität, die zwar vom Militär als dem letzten Mittel (ultima ratio) redet, aber alle Anstrengungen, Geldmittel, Planungen genau darauf konzentriert.

Dabei hat der 11. September doch überaus deutlich gemacht, dass das ganze Militär der größten Supermacht der Welt nichts taugt zum Schutz vor solchen Anschlägen. Und kluge Militärs machen schon lange darauf aufmerksam, was auch die Erfahrungen der Bundeswehr auf dem Balkan ist, dass Militär eben nicht in der Lage ist, Frieden zu schaffen, nicht die sozialen Ursachen von Spannungen, von Armut und Unterdrückung, von Ungerechtigkeit und ökologischer Zerstörung beseitigen kann; hier sei die Politik gefordert!

Einen solchen Kampf für eine humanere, zivilisiertere Welt muss es geben; das wäre Politik, die diesen Namen verdient, auch im Blick auf das nun globale Gemeinwesen; dafür gilt es alle Anstrengungen, Geldmittel und Planungskapazitäten einzusetzen, alle Varianten der Vernunft (ratio) vor der vielleicht wirklich äußersten, militärischen, für die Gestaltung eines gerechten Friedens aufzubringen.Natürlich müssen die Terroristen und ihre Helfershelfer bestraft werden, aber bitte schön mit allen rechtsstaatlichen und völkerrechtlichen Mitteln und nicht unter Missachtung der freiheitlich-demokratischen Grundwerte, um deren Verteidigung es doch geht. - Die Stärkung der internationalen Rechtsordnung (UN, OSZE, Internat. Gerichtshof...), in den vergangenen Jahren immer wieder unterminiert, ist dringend geboten.

Und wenn jetzt gesagt wird, dass es bei den militärischen Schlägen ja nur um gezielte Angriffe gegen militärische Einrichtungen geht, um des einen Feindes (Sadam Hussein=Hitler lässt grüßen) habhaft zu werden, so sei nur an die angeblich so chirurgisch präzise Kriegführung im 2. Golfkrieg erinnert oder an die vielfältigen "Kollateralschäden" im Kosovo. Krieg löst kein Problem, aber schafft viele neue. Und das macht Angst!"

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(Pressereferat/Schmeer | 2001-10-08)Diese Nachricht drucken