
An den Kaffee, die Nylonstrümpfe und die Schokolade in den Päckchen für die Menschen in der DDR erinnern sich beide: Pfarrerin z. A. Christina Günther-Fiedler als eine, deren Familie sie verpackte, Pfarrer z. A. Dirk Fiedler als einer, dessen Familie sie öffnete. Und umgekehrt erinnert sie sich an die Kerzenhalter aus dem Erzgebirge oder die Räuchermännchen, die zur Weihnachtszeit in die BRD kamen. Das war, bevor die Mauer fiel. Die Gespräche untereinander bedeuten den beiden Ehepartnern viel, und davon profitieren seit fast eineinhalb Jahren gleich zwei Gemeinden: Orsoy und Hochstraß.
Am kommenden Sonntag, 16. Oktober, 15 Uhr werden Pfarrerin z. A. Christina Günther-Fiedler und Pfarrer z. A. Dirk Fiedler in der Ev. Kirche in Orsoy von Superintendent Ferdinand Isigkeit ordiniert.
Zu den Gesprächen gehören Themen wie Heimaterfahrungen: Dirk Fiedler siedelte mit zehn Jahren von Ebersbach in der Oberlausitz nach Köln und war anschließend weder hier noch dort richtig zuhause. "Deswegen habe ich es vielleicht ein bisschen leichter, die Geschichten der alten Thüringerin im Altenheim in Orsoy zu verstehen", erklärt Christina Günther-Fiedler.
Im Altenheim in Orsoy ist die 30 Jahre junge Pfarrerin für die Seelsorge zuständig. Dort führt sie Gespräche, feiert Gottesdienste, organisiert Begegnungen zwischen Konfirmanden und Senioren. Dort hat sie Erfahrungen gemacht, die sie auch in ihrer Konfirmandenarbeit weitergibt: "Die Senioren erinnern sich der Lieder und Gebete, die sie früher gelernt haben, und das gibt ihnen Kraft." Das weiß auch Dirk Fiedler, der in der Kirchengemeinde Hochstraß arbeitet. Seinen Konfirmanden sagt er: "Fünf Dinge müsst ihr bei mir auswendig lernen, vielleicht werdet ihr es brauchen: Das Kirchenjahr, den Psalm 23, das Glaubensbekenntnis, das Vater unser und die 10 Gebote."
Dass beide den Pfarrberuf ergreifen würden, wussten sie jeweils früh. Sie wuchs in Moers-Kapellen auf, wo sie regelmäßig die Kindergottesdienste besuchte und sich konfirmieren ließ, leistete Jugendarbeit und wuchs schließlich in die Gemeindearbeit hinein. Er war der Sohn zweier Christen in der DDR, die Mutter in der Kinder- und Jugendarbeit aktiv, der Vater Presbyter. Mit zwölf Jahren war ihm klar, dass er Pfarrer werden wollte. "Der Gottesdienst hatte einen besonderen Zauber, daran wollte ich teilhaben und ihn weitergeben." Sie studierte in Bonn und in Greifswald, er in Wuppertal, Tübingen und – Bonn. "Richtig," lächeln die beiden, "da haben wir uns kennengelernt. Auf dem Bahnhof zur zweiten Examensklausur."
Nach dem Studium ging es in die Vikariate, schließlich sind sie April 2004 im Kirchenkreis gelandet, er als Pfarrer z. A. für Hochstraß, sie für Orsoy. Und es kam gleich richtig viel Arbeit auf beide zu: Sie sorgte für die Kontinuität in der Gemeinde, als Pfarrer Blumenstengel in den Ruhestand ging und Pfarrer Uwe Klein noch nicht da war. Er hat acht Konfirmandengruppen mit 120 Kindern neben der weiteren Pfarrarbeit. Beide lieben an ihrem Beruf, die Vielfalt, die auch in anderer Hinsicht wichtig ist. "Wenn nach einem schweren Gespräch im Altenheim Kinder auf mich zurennen und singen ‚Wir sind die Kleinen in den Gemeinden‘, ein Lied, das sie bei mir gelernt haben, dann wird mir das zur Kraftquelle," berichtet Pfarrerin Günther-Fiedler. Und bei den Erfahrungen mit den verschiedenen Aufgaben kann sich das Pfarrerehepaar prima ergänzen: "Man macht Fehler nicht doppelt."
Um sich zu erholen, fahren die beiden jährlich in den Osten Deutschlands, zu Verwandten, auf den Spuren Luthers oder einfach, wie letzte Woche, zum Zwiebelmarkt nach Weimar.
Zu dem Überbrücken von Entfernungen gehören auch die Gespräche mit Freunden aus den USA, von denen beide lernen: "Dort kommen Leute zusammen, die gemeinsam eine Kirche bauen," erklärt der 31jährige Pfarrer Fiedler die Realität von Kirche in den USA. "Dass Gemeindeglieder ihre Kirche bauen, Verantwortung übernehmen und Zukunft mit gestalten, das zu erreichen ist uns ein Ziel", wendet Pfarrerin Günther-Fiedler dieses Beispiel auf Deutschland an. "Ein bisschen wie im Fernsehspot: Du bist Kirche und Du bist wichtig".
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