
Es wurde voll rund um die Ev. Kirche in der Friedhofsallee in Rumeln-Kaldenhausen: Rund 140 Synodale fanden sich um 17 Uhr zum Abendmahlsgottesdienst ein, der den Auftakt der diesjährigen Herbstsynode markierte. Ingo Schäfer, Pfarrer der Ev. Erlöserkirchengemeinde Rheinhausen stellte die Frage nach der Verantwortung in den Mittelpunkt seiner Predigt zu Matthäus 25, 31-46. „Ich werde mich eines Tages verantworten müssen für mein Leben. Für das, was ich gemacht und – vor allem – was ich nicht gemacht habe aus meinem Leben... Ich glaube, keiner von uns würde wagen, zu sagen, dass er eine blütenweiße Weste hat. Oder um es mit Matthäus zu sagen: Hast du die Hungrigen gespeist, die Kranken besucht, die Fremden aufgenommen oder nicht? Kurzum: Hast du nur an dich oder auch an deine Mitmenschen gedacht?“ Allerdings sei es Jesus nicht darum gegangen, Menschen auf ein Furcht erregendes Jenseits vorzubereiten. „Er will unseren Blick weglenken vom Jenseits hin auf unsere Verantwortung hier und heute, hier und jetzt. Er will uns daran erinnern: Jeden Tag kommt es darauf an, was ich aus meinem Leben mache!“
Aber Schäfer beließ es nicht beim Hinweis auf die individuelle Verantwortung, sondern verwies auch auf die der Kreissynode, „da unser Kirchenschiff bedingt durch knapper werdende Geldmittel ganz schön ins Schlingern gekommen ist. Natürlich können wir ganz schnell antworten: Wir sind für unsere Mitmenschen da! Wer denn sonst, wenn nicht wir? So beklagen wir völlig zu Recht, dass die Zange zwischen Arm und Reich immer größer wird, dass große Firmen immer mehr Gewinn einfahren und gleichzeitig Tausende von Menschen entlassen. Doch viel schwieriger wird es, wenn wir eigene Nabelschau betreiben. Wie sieht unsere Fürsorgepflicht gegenüber arbeitslosen Pfarrern und Pfarrerinnen bzw. gegenüber der jungen Theologenschaft aus? Welche Kriterien legen wir an, wenn wir Arbeitsfelder reduzieren oder sogar streichen sollten?“ Die Antwort Jesu hält Schäfer für eindeutig – auch, wenn es dadurch für die Synode nicht leichter wird: „Es darf in ihr nämlich nicht um die Qualität des Synodalberichtes gehen, nicht um die Rhetorik, wie uns das Problem nahe gebracht wird, sondern allein darum, das wir die Verantwortung für die dahinter stehenden Menschen nicht aus dem Blick verlieren!“ Es komme nicht nur darauf an, so zu leben, dass man es verantworten könne. Jesus geht noch weiter: „Sein Bild vom Weltgericht ist mehr als ein Appell an Mitmenschlichkeit und Verantwortlichkeit. Der eigentliche Clou ist, dass er sagt: Ich bin hungrig gewesen und durstig gewesen; ich bin ein Fremder und bin nackt gewesen; ich bin krank und im Gefängnis gewesen. Jesus selbst ist also gegenwärtig in den Geringsten, in den Schwächsten der Gesellschaft. Er identifiziert sich mit den Leidenden zu allen Zeiten und an allen Orten der Erde.“ Damit stellt er unser gängiges Bild vom „Gutes tun“ kräftig auf den Kopf, denn Jesus ist nicht einfach schon bei dem, der Gutes tut, „sondern erst im Gegenüber begegne ich ihm“.
Die Kollekte für das Schulsanatorium Uzda in Weissrussland ergab 591 Euro. Dort werden seit 15 Jahren rund 750 Kinder und Jugendliche aus den von Tschernobyl strahlenverseuchten Gebieten mit jährlichen Hilfelieferungen betreut und medizinisch, pädagogisch und sozial unterstützt.

Nach einem kurzen Imbiss folgten die Konstituierung der Synode und die Grußworte. Christine Busch, theologische Referentin im Landeskirchenamt der Ev. Kirche im Rheinland, ging in ihrem Grußwort auf die Erwartungen an die im Januar anstehende Landessynode ein – besonders, was die Situation der ca. 120 Warteständler betrifft, die landeskirchenweit wieder in Pfarrstellen zurückgebracht werden sollen. „Andererseits soll dies nicht zu Lasten der jungen Generation gehen, die das Studium der Theologie und den Abschluss gewählt hat mit der kirchlich zu verantwortenden Prognose, auch eine Arbeit in der Kirche zu bekommen. Und da inzwischen 50% der Pfarrerinnen und Pfarrer derselben Generation von neun aufeinander folgenden Geburtsjahren angehören, ist mit Recht nach einer Verjüngung zu fragen.“
Besonders wies Busch auf eine Realität hin, die im Kirchenkreis Moers nicht erst mit der Insolvenz von BenQ mit Sorge verfolgt wird, nämlich, wie wir unseren Glauben im Kontext der Globalisierung leben können. „Überall auf der Welt nehmen die Menschen wahr, dass die modernen Gesetze des Marktes alle Lebensbereiche durchdringen und auch zu verformen scheinen.“ Darum stellt Kirche die Frage, ob es ein Wirtschaften gibt, das dem Leben dient. „Die Diskussion zur Globalisierung läuft ökumenisch unter dem Motto `Wirtschaften im Dienst des Lebens´, also unter der Behauptung, dass es Alternativen zu dem herrschenden Konzept wirtschaftlicher Ausbeutung gibt. Daran wird deutlich, dass Fragen der Ökonomie und die Sicherung der Zukunft als ein geistliches Thema verstanden werden.“

Fritz Bösken, Dechant in Duisburg-West, hielt sein Grußwort auch im Namen von Achim Klaschka, seinem Moerser Kollegen. Für evangelische und katholische Kirche hielt er fest: „Wir haben dasselbe Problem – uns fehlt das Geld. Scheinbar. Was uns wirklich fehlt, sind die Gläubigen.“ Scheinbar große Zahlen bei besonderen Treffen wie dem Weltjugendtag gäben keine Aussage über die Situation an der Basis, aber sie seien Ermutigungen. Angesichts der anstehenden Veränderung in der Organisationsstruktur, werden katholischerseits Kreisdekanate „in Zukunft wohl die Zwischenebene sein. Lebenswichtig aber ist die unterste Basisebene.“ Das idyllische Bild vom Pastor, der seine Schäfchen hütet, gehöre damit zur Vergangenheit. Herausgefordert sei vielmehr die engagierte Mündigkeit der Christen. Bösken übergab Superintendent Ferdinand Isigkeit eine echte Wachskerze, „die schon geleuchtet hat bei manchen guten seelsorglichen Gesprächen. Der Docht sind die Gremien, die Leitungen in der Kirche... Der Docht muss dem Wachs helfen, Wärme und Licht zu verbreiten. Dabei ist wichtig: Es muss echtes, ungereinigtes Wachs sein, dann knistert es und es ergeben sich die unterschiedlichsten Formen und Gebilde voll Spannung von bizarrer Schönheit.“ Er wünschte der Synode, dass es voll Spannung in Lebendigkeit knistern möge, aber in einer warmen und erleuchteten Atmosphäre und erinnerte: „Unsere Beschlüsse verlieren spätestens ihre Bedeutung, wenn es kein, Wachs, also keine Menschen mehr gibt.“ Isigkeit gab zu: „Dass mit den Symbolen, das könnt ihr einfach besser als wir. Ich hoffe, dass es auf dieser Synode knistert, aber auch, dass ein Licht von uns ausgeht.“

Nach diesen anregenden Grußworten hielt Superintendent Isigkeit seinen Bericht – eine Mischung aus Rückblick genauso wie Ausblick auf anstehende Themen und Herausforderungen. Presbyterien, die Leitungsorgane der Kirchengemeinden, hätten sich im vergangenen Jahr nicht nur mit Struktur- und Finanzfragen und Prioritätendiskussion beschäftigt, sondern auch mit vermeintlich einfachen Fragen. Dabei wird klar: „Angesichts der Herausforderungen, vor denen wir als Gemeinden stehen, müssen wir nicht immer neue Arbeitsbereiche entwickeln. Gelassen können wir unsere Stärken entdecken. Versuchen, uns weiter zu entwickeln in den Bereichen, in denen wir gut sind, in denen uns viel zugetraut wird, in denen aber auch viel von uns erwartet wird. Wie für die Kasualien und die Seelsorge der Gemeinde gilt das für Gottesdienst, Lehre, Bildungsarbeit, Kulturarbeit, und die Diakonie.“
Isigkeit sieht eine solide Basis für Veränderung und hält fest: „Ohne den Finanzdruck wären wir uns nicht in dem Maße bewusst, dass wir uns als Kirche, als Gemeinden verändern müssen. In diesem Veränderungsprozess bauen wir auf vieles, wofür wir dankbar sein können.“ Dazu gehöre, dass kirchliche Arbeit im Gegensatz zur öffentlichen Hand nicht durch Schulden finanziert ist, dass die Moerser als „armer“ Kirchenkreis vom übersynodalen Finanzausgleich profitieren und dass durch ehren- und hauptamtliches Engagement in den Gemeinden und beim Kirchenkreis viele Arbeitsfelder überzeugend gestaltet worden sind. Keine Überraschung, aber trotzdem positiv war die Ankündigung: „Für das kommende Haushaltsjahr können wir 67 Euro Kirchensteuern pro Gemeindeglied an die Gemeinden verteilen, ohne die Finanzausgleichsrücklage nennenswert zu belasten. Dennoch sollten Sie in den Gemeinden beharrlich bei Ihren eingeschlagenen Sparkursen bleiben. Wie Sie vermutlich bei der Aufstellung Ihrer Haushalte feststellten, sorgen Kostensteigerungen und Umlageerhöhungen dafür, dass sich die zusätzlichen Einnahmen nicht als Rücklagenzuführungen wieder finden.“
Ein mögliches Paradox sieht Isigkeit im Gemeindegliederschwund und den prognostizierten rückläufigen Kirchensteuereinnahmen im Gegensatz zur Treue vieler Menschen zu ihrer evangelischen Kirche und der Lebendigkeit der Gemeinden. „Ich habe sogar den Eindruck, dass dies sich verstärkende gegenläufige Bewegungen sind.“ Er hebt Gemeinde als wichtigste Handlungsebene der Kirche und die wichtigste Identifikationsebene für die Menschen mit ihrer Kirche hervor: „Ich spreche mich deshalb für eine Stärkung des parochialen Systems in der evangelischen Kirche aus und für eine möglichst flächendeckende kirchliche Versorgung. Trotzdem halte ich die Bündelung von Kräften regional und synodal für unerlässlich. Gerade, wenn wir flächendeckend arbeiten wollen, müssen wir in Zukunft auch Schwerpunkte setzen. Solches dient dem Zweck, die Gemeinde zu stärken, damit protestantisches Profil im Kirchenkreis Moers flächendeckend erkennbar bleibt.“
Der Rückblick auf besondere Ereignisse in den Kirchengemeinden war weit gefächert. Eine Auswahl: Die erste Fusion im Kirchenkreis steht bevor, nämlich zwischen den Gemeinden Essenberg und Hochheide. Die Christuskirchengemeinde Rheinhausen nahm nicht nur Abschied vom Gemeindehaus Asterlagen, sondern plante parallel auch den Ausbau des Gemeindezentrums an der alten Christuskirche. Die Kirchengemeinden Rheinberg und Budberg verhandeln über neue Kooperationen. Und die Regionalversammlungen bieten die Möglichkeit, unterhalb der synodalen und landeskirchlichen Ebenen und abseits einer Steuerung von außen, Verabredungen zu treffen, die die flächendeckende Versorgung mit einem breiten kirchlichen Angebot in Gottesdienst, Seelsorge, Kirchemusik und Kultur, Lehre und Bildung, Jugendarbeit und Diakonie gewährleisten. „Ich habe allerdings auch den Eindruck, dass es noch etwas Zeit braucht und den Willen aller Gemeinden, die Regionalversammlungen als Chance zu begreifen und nicht, wie ich es vereinzelt wahrnehme, als eine zusätzliche Last oder gar als zwangsweise Verpflichtung zu einer Zusammenarbeit, die man selbst gar nicht will, weil der Blick über den gemeindlichen Tellerrand schwer fällt.“
Angesichts der anstehenden Prioritätendiskussion auf Kirchenkreisebene laufen die Gespräche auf Hochtouren, um mögliche Kooperationen mit Nachbarkirchenkreisen auszuloten. Isigkeit hält die Prioritätendiskussion nicht nur für eine Frage der Inhalte, sondern auch der Form: „Die anstehende Prioritätendiskussion auf Kirchenkreisebene ist notwendig, allerdings sehe ich ihr auch etwas bang entgegen. Es steckt einiges an Verletzungspotential darin, wenn sich Interessengruppen formieren und möglicherweise den einen Arbeitsbereich auf Kosten des anderen ausspielen. Oder wenn man Arbeitsbereiche, zu denen man noch nie einen Bezug hatte, plötzlich im Vorbeigehen in Frage stellen kann. Hinter allen Arbeitsbereichen stehen Menschen, die gute Arbeit leisten, sich mit Herz und Verstand einbringen und die es verdienen, dass die Prioritätendiskussion sachlich, fair und mit klarem Ergebnis geführt wird.“ Besonders wies der Superintendent darauf hin, dass es angesichts sich ändernder politischer (und damit finanzieller) Rahmenbedingungen Klarheit darüber geben muss, ob es einen Trägerzusammenschluss der Kindertagesstätten im Kirchenkreis Moers geben soll. Als Erfolg wertete er , dass im Kirchenkreis vier Gemeinden den Zuschlag für ein Familienzentrum in der Pilotphase bekommen haben.
Im LKA in Düsseldorf findet derzeit die Auswertung der Rückläufe aus den Gemeinden und Kirchenkreisen der landeskirchlichen Prioritätendiskussion statt. Diese werden auf der Landessynode im Januar 2007 zur Diskussion gestellt. Die Presbyteriumswahl 2008 wirft ihre Schatten voraus. Es wird eine Veränderung im Presbyterwahlrecht geben, u.a. um dem Umstand zu begegnen, dass 2004 in ca. 40% der rheinischen Gemeinden mangels ausreichender Wahlvorschläge tatsächlich nicht gewählt worden ist.
Zum Schluss schlug Isigkeit den Bogen zum Beginn seines Berichts: „Der Grund der Gemeinde liegt im Glauben, im Verborgenen. Er ist unverfügbar, Geschenk Gottes. Deshalb gibt es eine Grenze der empirischen Erfassbarkeit der Kirche. Als sichtbare Kennzeichen genügen die Verkündigung des Evangeliums und die Feier der Sakramente. Deshalb sollten wir die sichtbare Kirche nicht idealisieren und mit Erwartungen überfrachten. Sie ist mit den zur Verfügung stehenden begrenzten menschlichen Mitteln zu gestalten. In allem Scheitern und Versagen bleibt sie dennoch ein Zeichen der Zuwendung Gottes zu seinen Menschen. In diesem Kirchenverständnis ist viel Raum zur zeitgemäßen Gestaltung von Kirche, auch in den Gemeinden des Kirchenkreises Moers. So steht am Schluss meines Berichts die Erinnerung an seinen Anfang: Was wir gut können, sollten wir mit der nötigen Gelassenheit weiter entwickeln, pragmatisch an unseren Strukturen arbeiten und damit Zeit und Geld freisetzen für die Erfüllung unseres missionarischen Auftrags.“
Nach einer kurzen Aussprache zum Bericht verteilten sich die Synodalen auf acht Gruppen und besprachen die von allen Arbeitsbereichen und Einrichtungen eingereichten Arbeitsberichte. Mit der Besprechung der Ergebnisse, dem Vater Unser, einem gemeinsamen Lied und dem Segen endete der erste Tag der Synode um 22:15 Uhr.
Links und Tipps: