Bericht über eine Reise nach Ruanda

Auf der vergangenen Synode des Kirchenkreises Moers berichtete Gisela Stoldt, Mitglied im Missionsausschuss, vom Besuch in Ruanda anlässlich der 100-Jahr-Feier der Église Presbyteriènne Rwanda (EPR). Mit der EPR verbindet den Kirchenkreis Moers eine Partnerschaft. Der Text von Gisela Stoldt wird im Folgenden dokumentiert:

Ruandabericht zur Synode

Viele herzliche und ein bisschen staubige Grüße bringen wir aus Kigali – es war gerade Trockenzeit!
Anlass der Reise war, neben dem routinemäßigen Partnerschaftsbesuch, das hundertjährige Jubiläum der Presbyterianischen Kirche, das zur Halbzeit unseres 14 tägigen Besuches stattfinden sollte.

Wie es gute ruandische Sitte ist, waren viele Freunde aus den letzten 20 Jahren Partnerschaft nach Kanombe gekommen um uns zu begrüßen, ein immer wieder bewegender Moment!
Als wir endlich, wie wir meinten, nach Kigali aufbrachen, merkten wir, dass die Stadt längst um den Flughafen herum gewachsen war.

Eine Mitarbeiterin vom Koordinationsbüro Rheinland-Pfalz, einem Partnerland von Ruanda, sprach einige Tage später vom „Raumschiff Kigali“: groß und hell erleuchtet, wie eine kleine Welt für sich.
Wie treffend diese Bezeichnung ist, wird einem bewusst, wenn man auch nur wenige Kilometer aufs Land fährt.
Da ist fast alles noch wie vor 20 Jahren, wie zum Beginn unserer Partnerschaft!

Aaron Mugemera, der Superintendent des Partnerkirchenkreises, begleitete uns in der ersten Woche zu verschiedenen Gemeinden weitab von Kigali, obwohl die Festvorbereitungen für das Jubiläum in der heißen Endphase waren – wir haben das sehr zu schätzen gewusst!
So waren wir zu Gast in Bihembe, einer Gemeinde etwa 2 Autostunden östlich von Kigali. Vor Jahren waren wir Moerser dort, als es noch ein sog. Evangelisationsfeld war und die Menschen sich unter einem Baum zum Gebet versammelten. Inzwischen ist, auch mit der Hilfe unseres Kirchenkreises, eine kleine Kapelle entstanden sowie eine Grundschule für 250 Kinder und ein kleiner Kindergarten

Wir waren erfreut zu erfahren, dass die Verabredungen aus den Anfängen der Partnerschaft noch gültig sind: jeder leistet DEN Beitrag, der ihm möglich ist.
So hat die Gemeinde in Eigenarbeit die Mauern aus selbst geformten Lehmblöcken erstellt und Moers ergänzte mit dem Wellblechdach.
So zeigten sie uns diese ganz einfache Schule voller Stolz, denn es ist IHRE Schule.

Gleiches erfuhren wir in der gerade entstehenden Gemeinde von Niyagihanga, wo seit kurzem eine EvangelisTIN tätig ist und die dort begeistert gefeiert wird.

In Kigali besuchten wir einige Initiativen im sozialen Bereich.
Jeanne, die Frau des Superintendenten, führte uns durch ihr Frauenprojekt. Gegründet nach dem Genozid, wurden hier Frauen aufgefangen und nach den traumatischen Ereignissen durch psychosoziale Betreuung und Beschäftigung für eine neue Existenz vorbereitet.
Sie nähen aus herrlich bunten Stoffen Decken, Kissen. Tiere etc., die sie verkaufen. Einen Teil des Gewinns dürfen sie behalten.
Inzwischen gibt es auch eine Werkstatt zur Gestaltung von Karten mit Bananenblättern dekoriert. Hier findet eine Gruppe junger Mädchen eine bescheidene Verdienstmöglichkeit.
Außerdem wurde eine Schneiderausbildung für Mädchen begonnen, die nicht das Geld für eine weiterführende Schule haben, denn nur die Grundschulen sind kostenlos in Ruanda.
Sehr beeindruckt hat uns ein Straßenkinderprojekt in Kigali.
Auch lange Jahre nach dem Genozid sind viele Kinder entwurzelt und leben auf der Straße. Eine mühsame Aufgabe, sie langsam wieder an ein geregeltes Leben zu gewöhnen. Da hilft das Angebot beruflicher Qualifizierung, hier in den Bereichen Serigrafie und Friseurhandwerk, ihnen eine Perspektive zu schaffen.

Höhepunkt des Besuches waren die viertägigen Feierlichkeiten des Jubiläums.
Am Tag nach dem feierlichen Eröffnungsgottesdienst fuhr man mit allen internationalen Gästen nach Zinga, 2 ½ Autostunden östlich von Kigali, wo vor 100 Jahren die erste Missionsstation entstanden war, gegründet von Bethel-Missionaren. Zur Erinnerung daran hatte die belgische protestantische Kirche den Neubau einer kleinen Kapelle finanziert, die mit einer Predigt von H. Keiner eingeweiht wurde.

Bei der Rückfahrt gab es, etwa auf halbem Weg in Kabuga, eine Unterbrechung – ebenfalls aus festlichem Anlass. Hier wurde der Grundstein für eine Universität der Presbyterianischen Kirche gelegt. Zur Sinnhaftigkeit dieses Projekts blieben eine Reihe von Fragen offen, vor allem bei europäischen Gästen, denn diese wäre die sechste Universität in Kigali…

Und dann der Höhepunkt:
Im großen Stadion der Hauptstadt fand der Festakt statt mit etwa 10.000 Besuchern und einer großen Anzahl in- und ausländischer Prominenz.
Es war eine eindrucksvolle und wahrhaft selbstbewusste Präsentation der Presbyterianischen Kirche; letzteres erscheint besonders wichtig in einem Land, das mit so vielen Unsicherheiten zu kämpfen hat.

Gedenkstätte
Gedenkstätte

Wichtiger Teil der Feierlichkeiten war ein gemeinsamer Besuch in der zentralen Gedenkstätte an den Genozid in Gisozi, einem Stadtteil von Kigali.
Vielen Gästen ging es wie mir: angesichts der unvorstellbaren Zahl der Opfer gedachte man an diesem Ort derjenigen, die man persönlich gekannt hat.
Ihren Verlust kann man bis heute schwer akzeptieren, vor allem, wenn man über deren Heimathügel geht und Menschen begegnet, von denen anzunehmen ist, dass sie Täter oder mindestens Zuschauer waren.
In solchen Momenten – leider auch in manchen anderen – wird einem die Komplexität der Aufgabe „Versöhnung“ deutlich und auch die Frage, wer sie wahrnehmen wird, wer sie wahrnehmen kann…

Gemeinsam mit der Studienreisegruppe aus unserem Kirchenkreis verbrachten wir zwei Tage in der Begegnungsstätte der Presbyterianischen Kirche am Kivusee, ganz im Westen des Landes.
Es ist wunderschön dort und gerade darum kaum zu glauben, dass am anderen Ufer, das schon zum Kongo gehört, weiterhin Kämpfe stattfinden zwischen Rebellen und Regierungstruppen.

In den letzten Tagen unseres Aufenthalts gab es dann endlich Gelegenheit, mit dem Partnerschaftsausschuss zu sprechen.
Uns war wichtig, an die Verabredungen aus den Anfängen unserer Partnerschaft anzuschließen:
Der Gedanke der Gegenseitigkeit soll wieder mehr in den Mittelpunkt der Beziehungen rücken: regelmäßiger Austausch von Informationen, Partnerschaftssonntage mit gegenseitigen Fürbitten, persönliche Kommunikation auf allen möglichen Ebenen (z.B. Jugendliche über das Internet).
Der finanzielle Aspekt hat seinen legitimen Platz, doch er darf nicht alles andere Gemeinsame überlagern.

Uns wurde aber auch bewusst: Form und Umfang der Partnerschaft liegt ebenso an uns.
So haben wir uns auch für hier eine neue Initiative vorgenommen:
Wir möchten Ruanda in unserem Kirchenkreis wieder präsenter machen und im Bewusstsein der Gemeinden besser verankern.
Gerne kommen wir zu Ihnen um zu berichten, auch zu besonderen thematischen Schwerpunkten, die Sie selber bestimmen können. Gleiches gilt für Beiträge zu Ihren Gemeindebriefen oder Abkündigungen für Klingelbeutelsammlungen.

(Pressefererat / Stoldt | 2007-11-17)Diese Nachricht drucken