
1989 - 2009, 20 Jahre - so lange schon gibt es keine Mauer mehr in Deutschland. Aber 28 Jahre lang gab es sie. Gleichwohl haben Christen diese Trennung immer wieder überwunden: In den Kirchenpartnerschaften, die zwischen Ost und West entstanden sind und in denen rege kommuniziert wurde. Auch nach dem Fall der Mauer hatten diese Freundschaften weiter Bestand. Anlässlich des 20jährigen Jubiläums des Mauerfalls war deshalb die Partnerschaft mit den evangelischen Christen im Osten Thema der Synode, dem Parlament des Kirchenkreises Moers mit seinen 28 evangelischen Kirchengemeinden. Tagungsort des ersten Synodentages am 13. November war die Evangelische Stadtkirche Moers. 121 Synodale sowie viele Besucherinnen und Besucher waren gekommen.
Im Abendmahlsgottesdienst, der die Synode eröffnete, predigte passend zum Thema kein Pfarrer vom Niederrhein, sondern der Superintendent des Partnerkirchenkreises im brandenburgischen Oderbruch, Roland Kühne. Seiner Predigt lag Röm. 12, 11 - 21. zugrunde. Den Bibeltext setzte Kühne mit den Ereignissen um die friedliche Revolution in Beziehung und betonte: " Man hat uns Christen immer wieder vorgeworfen, wir seien inaktiv, weil wir alles Gott überlassen", so Kühne. "Die Worte aus dem Römerbrief machen deutlich: Das Gegenteil ist der Fall. Christen sind zu jeder Zeit aufgerufen, aktiv zu sein, denn Gottes Wort und sein Willen machen sich vorrangig durch uns und für andere bemerkbar."
Die Kollekte ist bestimmt für den Neubau einer Kindertagesstätte in Seelow/Oderbruch und betrug 620 Euro.
Anschließend eröffnete Superintendent Ferdinand Isigkeit, Kirchenkreis Moers, gleich zwei Ausstellungen: Eine zeigt die partnerschaftlichen Aktivitäten der Kirchengemeinden der Kirchenkreise Moers und Oderbruch. Die andere beschreibt "20 Jahre Friedliche Revolution und deutsche Einheit. Diese ist von der "Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur" zusammengestellt.
In seiner Eröffnung wies Isigkeit auf die Rolle der Kirche für den Herbst '89 hin: "Schwerter zu Pflugscharen, das bekannte Bibelwort aus dem Propheten Micha war das Bekenntnis der Evangelischen Kirche in der DDR. Ein christliches Bekenntnis zum Frieden. Dieses Bekenntnis und die Kraft, die daraus wuchs und die Zuversicht und die Beharrlichkeit war ein wichtiger Boden, auf dem der Herbst 89 stattfand."

Über die Geschichte und die religiöse und politische Bedeutungen der christlichen Begegnungen zwischen West und Ost sprach dann Dr. Jürgen Schmude, von 1985 bis 2003 Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in seinem Vortrag "Patenschaften, Partnerschaften - Gemeindebegegnungen als kräftige Klammer zwischen Menschen im geteilten Deutschland". Als 1989 die Mauer fiel, seien die Menschen in den beiden Teilen Deutschland einander fremd gewesen. "Für die meisten evangelischen Gemeinden im Kirchenkreis Moers war das ganz anders. Gemeindeglieder, Presbyter, Pfarrer hatten schon jahrzehntelange ,Osterfahrung'". Aus den anfangs jährlichen Besuchen wuchs eine regelrechte Kultur, ein Geflecht von menschlichen Beziehungen, erzählte Schmude auch von seinen eigenen Besuchen und erklärte, wie solche Begegnungen aussahen. "Da wurden Gottesdienste gefeiert, es gab Gesprächsrunden über theologische und andere kirchliche Themen. Besonders intensiv aber wurde politisch diskutiert."
Die Begegnungen der Christen aus Ost und West waren keine Konferenzen zur Vorbereitung der Wiedervereinigung. Dass sie ihre Zusammengehörigkeit als Schwestern und Brüder pflegten und vertieften, war dennoch kirchlich und politisch von Bedeutung. Zudem hätten evangelische Kirchen staatskritischen Einzelnen und Gruppen Raum gegeben und sie damit unterstützt. Gleichzeitig konnte sich Kirche so als Friedenskraft in die sich anbahnenden Veränderungen einbringen und so dazu beitragen, dass die Revolution friedfertig geblieben sei. Nach den Veränderungen habe Kirche demokratische Prozesse in Gang gesetzt, z. B. Runden Tischen vorgesessen. Der zunehmend feststellbaren Ablehnung der Demokratie und aller jener Rechte, für die evangelische Kirche gestritten habe, müsse Kirche entgegentreten: "An grundsätzlichen kirchlichen Worten gegen solche Gefahren, gegen Gleichgültigkeit und Wahlverweigerung, gegen Entsolidarisierung und für das gesellschaftliche und politische Engagement fehlt es nicht. Sie müssen mit Leben erfüllt und den Menschen immer wieder nahe gebracht werden."
Im Anschluss sprach Christine Busch, die den Kirchenkreis Moers als Landeskirchenrätin in der Landessynode vertritt, ein Grußwort: "Die Partnerschaften des Kirchenkreises Moers haben auch das Gesicht der Landeskirche geprägt." Sie würdigte darüber hinaus die Rolle der Kirchen in der friedlichen Revolution: "In der Rückschau sprechen wir von Freiheits- und Bürgerrechtsbewegung. Ohne die Kirche wäre sie nicht möglich gewesen." Ein weiteres Grußwort sprach Pfarrer Kai Schäfer, Kirchenkreis Krefeld-Viersen. Er leitete aus dem Herbst '89 eine Anregung für die heutige kirchliche Arbeit ab: "Wir sollten in unseren Kirchen verbreiten, von welcher Freiheit in der Bibel die Rede ist." Die stellvertretende Bürgermeisterin der Stadt Moers Erika Scholten berichtete in ihrem Grußwort von der Partnerschaft der Stadt Moers zu Seelow, die vor fast 20 Jahren mit der Unterstützung des Kirchenkreises Moers entstanden ist. Moers habe die ostdeutsche Stadt intensiv unterstützt, z. B. beim Aufbau der Verwaltung und des Sozialamts. Es seien gute persönliche, kulturelle, soziale und sportliche Verbindungen entstanden.
Nach einer kurzen Pause legte Superintendent Ferdinand Isigkeit seinen Bericht vor. Darin würdigte er das Calvin-Jahr. Die umfangreiche Beschäftigung mit dem Genfer Reformator habe den Theologen und Menschen Calvin in differenziertem Licht erscheinen lassen. So seien während dieses Jahres die sozialethischen Aussagen Calvins deutlich geworden, die auch heute noch Bedeutung hätten, etwa, wenn es um das Bezahlen der Bankenkrise gehe. Die Gerechtigkeitsfragen seien "aus der Sicht der kleinen Leute, der Opfer, der Armen zu stellen", erklärte Isigkeit. Bei allem Licht dürften jedoch auch die dunklen Seiten Calvins nicht verschwiegen werden, etwa seine Rolle im Ketzerprozess gegen Michael Servet.

Erinnerungskultur gegen Wahrnehmungsverweigerung forderte Isigkeit auch gegenüber den dunklen Seiten von Kirche im dritten Reich: Kirchliche Behörden hätten dem Nazistaat Auskunft über Christen mit jüdischer Abstammung geliefert. "Es geht den Menschen, die sich in unserer Kirche für ein solches Erinnern stark machen, darum, dass die Namen der verfemten, verfolgten und ermordeten evangelischen Christinnen und Christen jüdischer Abstammung in einer angemessenen Form öffentlich genannt werden und die Namen der Täter nicht länger verschwiegen werden."
In seinem Bericht informierte Isigkeit auch über seine Besuche in den Presbyterien, den Leitungsorganen der Kirchengemeinden. "Ganz besonderen Respekt habe ich davor, wie mutig Presbyterien sich der Herausforderung von KIBIZ (Kinderbildungsgesetz) gestellt haben. Da wird teilweise viel Geld für Umbaumaßnahmen in die Hand genommen, da werden Personalanpassungen vorgenommen. All das ein Beleg dafür, welchen besonderen Stellenwert die Arbeit der Kitas und Familienzentren in den Gemeinden genießt." Insgesamt werde im Kirchenkreis Moers mehr gebaut als abgebaut, freute sich der Superintendent und führte als Beispiele das Jugendzentrum in Vluyn, das Jugendheim in Neukirchen sowie die Sanierung der Kirche in Orsoy an.
Die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Kirchensteuerentwicklung seien noch nicht seriös zu beziffern. Ebenso wenig, wie sie sich künftig auf den Arbeitsmarkt auswirke. Gleichwohl sei zu vermuten, dass die Einkommen zurückgehen und damit die Zahl derer ansteige, die aus der Kirche austreten. Dennoch sollen trotz der zu befürchtenden Mindereinnahmen den Gemeinden 2010 wieder 70 Euro pro Gemeindeglied für die Gemeindearbeit ausgezahlt werden. Genutzt werde dazu die Rücklage aus dem Finanzausgleich. Das Jahr 2010 sollen die Gemeinden, so der Superintendent, dazu nutzen, ihren Konsolidierungskurs der vergangen Jahre fortzusetzen. „Der KSV rät dazu, anfallende Haushaltsüberschüsse für den Abbau von Schulden und die Ausstattung der Rücklagen, insbesondere der Pflichtrücklagen vorzusehen. Für 2011 wird bereits jetzt eine Abschmelzung des Pro-Kopf-Betrages in Aussicht gestellt. In Ihren Planungen können Sie von 60 bis 63 Euro pro Kopf ausgehen. Ich bitte, dies bei den Strukturüberlegungen in den Presbyterien ernsthaft zu bedenken und die Sparbemühungen fortzusetzen."
In seinem Rückblick wies Isigkeit auf die Bedeutung der Notfallseelsorge hin, dankte allen Pfarrerinnen und Pfarrern, die sich bei dieser schwierigen Aufgabe einbringen und warb für noch stärkere Beteiligung. "Die Notfallseelsorge ist nicht allein Aufgabe des Kirchenkreises, der Rahmenbedingungen für eine Organisation der Notfallseelsorge zur Verfügung stellen kann. Notfallseelsorge ist in erster Linie Gemeindedienst, weil Notfälle in jeder Gemeinde eintreten können."
Zu den positiven Entwicklungen im Kirchenkreis gehört auch, dass sich fast alle Pfarrerinnen und Pfarrer im Kirchenkreis gegenseitig kollegial beraten. Konkret heißt das, sich in den Gottesdiensten zu besuchen und im anschließenden Gespräch eine Rückmeldung zu geben. Ausgangspunkt für diese gegenseitige Unterstützung ist die vergangene Sommersynode, die das Thema Gottesdienste zum Inhalt hatte.
Auch eine erfreuliche Entscheidung des Landes konnte der Superintendent vermelden, 20 Pfarrerinnen und Pfarrer des Kirchenkreises mit unterschiedlichen Stellenanteilen unbefristet mit ev. Religionsunterricht zu betrauen.

Nach einen Rückblick auf 30 Jahre Evangelische Beratungsstelle Duisburg Moers, 25 Jahre Drogenhilfe des Diakonischen Werks Kirchenkreis Moers, 10 Jahre Runder Tisch Ehrenamt ("Ehrenamt ist die Basis der Arbeit in Kirche und Diakonie") und die Gedenkgottesdienste zum Kriegsbeginn vor 70 Jahren, skizzierte Isigkeit einige Termine der nächsten Monate. Dazu gehöre die "Nacht der offenen Gotteshäuser Duisburg/Moers" am 22. Mai 2010, zu der sich schon über 60 christliche Gemeinden, Moscheevereine und die jüdische Gemeinde angemeldet hätte. Ebenso die Sondersynode in Duisburg anlässlich des vierhundertsten Jahrestages der ersten reformierte Generalsynode, eine der Wurzeln der Evangelischen Kirche im Rheinland. Diese Synode wird am 4. September 2010 tagen.
Den Abschluss des Berichts markierte ein Blick auf die die Wahl von Bischöfin Margot Käßmann zur Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland und den Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider, zu ihrem Stellvertreter. Beide seien eine gute Wahl. Nikolaus Schneider stehe für eine deutliche Sprache in sozialethischen Fragen. "Kirche und Gesellschaft brauchen derzeit Schneiders Sicht auf die Dinge aus der Perspektive der kleinen Leute, hergeleitet aus einer profunden biblischen Theologie", spannte Isigkeit den Bogen zum Anfang seines Bericht.
Nach der Diskussion ging es zum letzten Tagespunkt des ersten Synodentages: Die Synodalen befragten die Mitarbeitenden des Kirchenkreises zu ihrer Arbeit im vergangen Jahr, äußerten Zustimmung und Kritik, Wünsche und Anregungen und hörten sich ihrerseits Sorgen und Planungen der Mitarbeitenden an.
Der erste Synodentag schloss gegen 22.00 Uhr mit dem Lied 487 "Abend ward, bald kommt die Nacht" und dem Segen.