Anfangs wirkt Demenz vielleicht sogar noch etwas drollig. Der Vater bringt eben einiges durcheinander oder findet seine Hosenträger nicht. Später wird der zunehmende Gedächtnisverlust jedoch zur Belastung, dann nämlich, wenn er vergessen hat, wo er wohnt, wie seine Angehörigen heißen oder dass eine rot glühende Herdplatte höchste Verbrennungsgefahr bedeutet. Gewöhnlich stehen in solchen Fällen die Kinder, meistens die Töchter, in der Pflicht, denn wer an Demenz leidet, kann nicht mehr alleine leben, sondern bedarf der Rund – um – die – Uhr – Betreuung. „Was uns als Diakonie nicht in Ruhe gelassen hat: Viele der pflegenden Angehörigen sind überlastet und erkranken selbst“, so Rainer Tyrakowski-Freese, Leiter des Diakonischen Werks Kirchenkreis Moers.
Isolation überwinden
Aus diesem Grund hat die Moerser Diakonie eine „Fachberatung für Demenzkranke und Angehörige“ eingerichtet, die von Albert Sturtz geleitet wird.Die Beratungen richten sich an Erkrankte, die insbesondere im ersten bewussten Stadium der Krankheit sehr leiden und an Angehörige. Denn sie sind oft überfordert, wissen nicht, wie sie mit dem Gedächtnisverlust umgehen oder eine Pflege organisieren können und sind in vielen Fällen allein mit der neuen Situation. Dass die Kranken vollständig auf Hilfe angewiesen sind, bedeutet, dass viele Angehörige gestresst sowie isoliert sind und schließlich körperlich und seelisch bis zur Depression erkranken können.
Aufgaben auf mehrere Schultern verteilen
Sturtz gibt Ratschläge für die jeweiligen Situationen, aber vernetzt auch Pflegedienste oder stationäre Einrichtungen, Angehörige, Kirchengemeinden, PfarrerInnen und ÄrztInnen. So verteilen sich Aufgaben verlässlich auf verschiedene Schultern und beziehen auch Seelsorge mit ein. Bei der Organisation von Selbsthilfegruppen kann er ebenfalls unterstützen.
DemenzbetreuerInnen und Demenzcafé entlasten
Damit die Angehörigen die Isolation überwinden können, sollen Angebote wie z. B. ein häuslicher Betreuungsdienst entstehen. „Wir werden bald eine Ausbildung anbieten für ehrenamtliche Demenzbetreuer“, erklärt Albert Sturtz . „Diese qualifizierten Ehrenamtlichen werden wir auch nach der Ausbildung weiter begleiten. Wir gehen davon aus, dass es viele Interessenten gibt, z. B. auch Nachbarn und Angehörige“, so Sturtz. „Sie sollen nicht pflegen, sondern betreuen,“ betont er. Wenn alles klappt, entsteht mit der Zeit so etwas wie eine Agentur, in der pflegende Angehörige sich melden können, wenn sie einmal für ein paar Stunden eine Auszeit benötigen oder etwas zu erledigen haben. Geplant ist ein Demenzcafé, in dem die Kranken wieder unter Leute kommen und Alltag außer Haus erleben können. Positiver Nebeneffekt: Das hält gleichzeitig wach und trainiert den Geist.
Für drei Jahre gesichert
Das Projekt ist finanziell für drei Jahre gesichert. Gefördert wird es von der Stiftung Altenhilfe in der Stadt Moers und der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW, die innovative Projekte fördert. Im linksrheinischen Gebiet des Kreises Wesel ist es das erste Projekt dieser Art.
Große Herausforderung
„Die Versorgung von Demenzkranken wird vermutlich die große gesellschaftliche Herausforderung der nächsten Jahre“, meint Rainer Tyrakowski-Freese und rechnet vor: Zwar pflegen zu 80 Prozent Angehörige die Betroffenen, aber genaugenommen geht Demenz die ganze Gesellschaft an. Im Kreis Wesel sind mehr 10 000 Frauen und Männer an der so genannten Hirnleistungsstörungen erkankt. Demenzerkrankungen nehmen im Alter zu. Leben zurzeit im Kreis etwa 74 000 über 65 Jährige, so werden es in den nächsten zehn Jahren ein Drittel mehr sein. Die Zahl der Hochaltrigen, wie die über 85 Jährigen genannt werden, steigt. Jeder Dritte Hochaltrige leidet unter einer Demenzerkrankung. Demenz wird also ein ganz selbstverständlicher Bestandteil der Gesellschaft werden. Die Hoffnung und das Ziel, dass Erkankte und Angehörigen integriert sein werden, spricht das Motto der Fachberatung aus: „Leben mit Demenz“.
| INFO InteressentInnen können mit Albert Sturtz von der „Fachberatung für Demenz und Angehörige“ unter 02841/100 145 einen Termin ausmachen oder – falls sie nicht selbst in die Beratungsstelle kommen können – einen Hausbesuch vereinbaren. Donnerstags zwischen 9 und 12 Uhr gibt es eine offene Beratung, in dieser Zeit kann man unangemeldet kommen. | ||
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