
| Textaktualisierung: Das Land hat mittlerweile die Sparbeschlüsse abgeändert, der nachfolgendeText vom 14. Oktober 2003 entspricht nicht mehr vollständig der gegenwärtigen Beschlusslage des Landes. | ||
In den letzten Septembertagen kam die Nachricht vom Land, dass ab 2004 die Personalkostenförderung für die Erziehungs-, Ehe- und Lebensberatungsstellen in freier Trägerschaft drastisch zurückgefahren wird. Für die Evangelische Beratungsstelle Duisburg/Moers entsteht damit ein riesiges Finanzloch und sie wird weitere Planstellen einbüßen – zusätzlich zu dem Personalabbau, zu dem sie durch die Reduzierung der Eigenmittel der kirchlichen Träger schon jetzt gezwungen ist. Konkret bedeutet dies, dass sie spätestens ab 2005 nur noch über die Hälfte der bisherigen Beratungsfachkräfte verfügen wird. Das heißt allein im Kirchenkreis Moers: Statt 643 Beratungen wie im Jahr 2002 sind 2005 nur noch etwa 320 möglich. Die Rat- und Hilfesuchenden bleiben auf der Strecke.
Kostendenken darf nicht Zusammenleben bestimmen
Die geplanten Kürzungen in den Sozialhaushalten des Landes gefährden die Arbeitsfähigkeit und Existenz vieler unverzichtbarer sozialer Dienste und Einrichtungen – in Kirche und Diakonie und bei weiteren Trägern. "In den bevorstehenden Wochen und Monaten wird es enorm wichtig sein, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um auf die anstehenden politischen Entscheidungen Einfluss zu nehmen," betont Ulrike Stender, Leiterin der Evangelischen Beratungsstelle Duisburg/Moers für Erziehungs-, Familien-, Ehe/Partnerschafts- und Lebensfragen sowie Schwangerschaftskonfliktberatung, wie die Einrichtung mit ganzem Namen heißt. "Wenn ausschließlich Kostendenken das Zusammenleben in unserer Gesellschaft bestimmt, geraten zunehmend mehr Menschen, z. B. sozial benachteiligte Familien, Alleinerziehende und Arbeitslose immer stärker unter Druck." Zudem führt kurzfristiges Sparen mittelfristig zu erhöhten gesellschaftlichen Mehrkosten in Bereichen wie Kinder-/ Jugendhilfe und Bildung sowie bei arbeitspolitischen Maßnahmen. "Solche Sparmaßnahmen übersehen, dass Erziehungs- und Familienberatung dazu beiträgt, Lernvoraussetzungen bei Kindern zu schaffen", erläutert Ulrike Stender. Angesichts von Pisa für sie eine unverständliche Kürzung.
Umzug geplant
Die Nachricht des Landes hat gewaltige Sprengkraft, denn schon bis zu dieser Meldung stand den Mitarbeitenden der Beratungsstelle das Wasser bis zum Hals: Aufgrund rückläufiger Kirchensteuereinnahmen verzeichnet die Evangelische Kirche erhebliche Mindereinnahmen. Die Ev. Beratungsstelle ist – wie viele andere Einrichtungen – von den kirchlichen Sparmaßnahmen betroffen und muss ab 2005 mit einem um 20 Prozent reduzierten Anteil des kirchlichen Trägers auskommen, beschreibt die Ulrike Stender die Krise. "Schon diese Kürzungen zwingen die Beratungsstelle dazu, Personal abzubauen. Zurzeit werden deswegen frei werdende Stellen nicht wieder besetzt, die erhebliche Unsicherheit über die Zukunft der Arbeitsplätze lastet schwer auf den verbleibenden Mitarbeitenden." Um die Landesrichtlinien von mindestens drei Planstellen je Team der Erziehungs-, Ehe- und Lebensberatung überhaupt erfüllen zu können, werden im Gebiet des Kirchenkreises Moers die Teams Homberg/Hochheide und Kamp-Lintfort in ein gemeinsames Haus nach Moers ziehen. Im Gesamtverband Duisburg sollen die Teams Marxloh und Duissern zusammengelegt werden. Die zuständigen kirchlichen Gremien haben die Umzüge bereits beschlossen.
Mehr Ratsuchende arbeitslos
Die problematische Lage der Beratungsstelle fällt in eine gesellschaftliche Situation, die nicht nur für Kommunen, Wohlfahrtsverbände und Kirchen schwierig ist, sondern auch für die einzelnen Menschen. Um zwölf Prozent ist in allen vier Beratungsstellen die Zahl der Beratungen zu Erziehungsproblemen, Paarkonflikten, persönlichen Lebenskrisen oder Ängsten am Arbeitsplatz im vergangenen Jahr gestiegen. In den letzten drei Jahren betrug die Steigerung der Neuanmeldungen 15 Prozent. Insgesamt meldeten sich im letzten Jahr 1072 Personen an, beraten wurden 1280 Besucher. Deutlich mehr Ratsuchende als in den vorhergehenden Jahren waren von Arbeitslosigkeit betroffen. Bereits im Jahr zuvor hatte Ulrike Stender in ihrem Jahresbericht darauf hingewiesen, dass Probleme am Arbeitsplatz und anschließende seelische Schwierigkeiten in den Beratungen zunahmen.
Anonyme Nachbefragung
Das Vertrauen zur Beratungsstelle, das sich in den steigenden Zahlen ausdrückt, haben die Ratsuchenden auch in einer anonymen Nachbefragung formuliert: "Ich fühlte mich ernst und wichtig genommen, vor allem wurde zugehört und sehr gezielt Einwände und Anregungen gemacht. Ich habe die Beratung mit dem Gefühl beendet, selbst etwas erreicht zu haben, aus eigener Kraft aber auch mit Unterstützung durch die Beratung." So beschreibt eine Besucherin der Evangelischen Beratungsstelle ihre Erfahrung. Fatalerweise werden künftig nur wenige diese Erfahrungen teilen können.
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